Mutti

Veröffentlicht: 3. Februar 2015 in Allgemein

Mein Mann hat mir immer gesagt, dass das nicht gut gehen wird mit der Mutti.

„Wie stellst du dir das denn vor, einfach daheimbleiben? Ich mein, du hast einen super Job, die Kinder sind aus dem Haus und die Müllers rechnen damit, dass wir mit ihnen auf die Malediven fliegen. Wolltest du ja immer!“

Er versteht die Sprache des Geldes zu gut. Nach zwei Wochen hab ich ihn endlich überredet. War sehr lieb zu ihm die ganze Zeit. Wusste nicht, was er nach 25 Jahren unter Liebe versteht. Und dass er käuflich ist.

Mutti wohnt jetzt in Walters Hobbyraum. Seine Hobelbank haben wir in die Garage geschafft, nette Blümchenstores vor die Fenster gehängt und ein Pflegebett beantragt. Geht alles ganz gut eigentlich, sie schläft ja den ganzen Tag, weil sie unter einer Tag-Nacht-Umkehr leidet. Das haben die meisten Dementen. Ab 22 Uhr ist sie wach. Dann kramt sie in den Dingen, die sie nicht mehr benennen kann. Nähkästchen, alte Fotoalben.

Die Psyche, das einzige Möbelstück, das wir übernommen haben aus ihrer Wohnung, ist vollgestopft mit abgelaufenen Kosmetikartikeln und ranzigen Niveadosen. Mit 50war sie immer die Schönste in der ganzen Siedlung. Weiche Hände konnte sie vorweisen und nicht einmal am Ellbogen eine rauhe Stelle, vom übrigen Körper ganz zu schweigen. Einmal wollte ich all den überfälligen, fettigen Kram wegwerfen, aber sie ertappte mich und „Lass meine Dinge in Ruh! Ich brauch das…..das zum…für die Finger….“sagte sie, verzweifelnd, aber bestimmt mit einem Augenleuchten von früher.

Walter sieht das viel pragmatischer. Wenn ich mit Mutti im Garten sitze, entsorgt er.

Wirft ihre handgeschriebenen Kochrezepte weg und die Zettelwirtschaft am Nachtkästchen. „Wie das hier aussieht! Braucht doch kein Mensch mehr, eine Anleitung zum Ribiselentsaften!“ In der Nacht dann das grosse Theater, weil Mutti wieder sucht und nicht weiss, was sie vergessen hat und was wirklich nicht mehr da ist.

Ich hab mir das auch anders vorgestellt.

Von der Liebe ist nicht mehr viel übrig, denke ich mir, als ich zum dritten Mal aufstehen muss, weil sie schon wieder nach mir ruft : „Susi! Susi! Jemand hat meine ganzen Bücher gestohlen!“  und wie schnell das geht, dass man die eigene Mutter nicht mehr mit Tochteraugen sieht.

Walter versteht auch nicht, warum ich ihn gerade jetzt von mir herunterstosse und dass es wohl nicht sein kann, dass ich mitten in Ausübung meiner ehelichen Pflichten zu Mutti laufe.

„Wieso hast du denn Stöckelschuhe an?“, fragt sie mich. „Es ist ja mitten in der Nacht! Die hab ich auch immer gerne getragen, weisst du noch, damals, als ich am Garnisonsball mit dem…dem…deinem Vater…..“. Sie stockt.

Ich bin froh, von der Stöckelschuhnummer erlöst zu sein und nehm sie in den Arm. Ich weiss nicht, was das kleinere Übel ist, denke ich an ihrer Schulter. Streichle sie pflichtbewusst, so wie ich es mit meinem Mann tue. Küsse sie auf die Wange, die immer noch glatt ist. „Geh schlafen, Mama!“

Walter wartet schon auf mich. Ich bin eine gute Tochter.

Traum

Veröffentlicht: 20. Januar 2015 in Allgemein

Gestern war alles wie immer.  Wenn ich sage, wie immer, heisst das nur, dass nichts Aussergewöhnliches geschehen ist. Ich hatte genug Tabletten, die mich über den Tag retteten, der nicht schlecht, aber auch nicht gut war. Die guten Tage sind in meiner Erinnerung fast nicht mehr vorhanden. Hin und wieder drehe ich den Fernseher auf und sehe mir an, was die Anderen unter „gut“ verstehen. Ein schönes Haus und ein teures Auto, zum Beispiel und Kinder, die studieren und die Eltern stolz machen. Ich habe nichts dergleichen und finde auch die blossen Gedanken daran nicht befriedigend. Was mich glücklich machte, war immer draussen zu finden:  eine sonnige Stunde am Strand, Wind, der mir im Herbst um die Ohren pfiff und sogar Regen. Stundenlang konnte ich  Rinnsale betrachten und wünschte mir dabei, so klein zu sein, dass ich mit all den verwelkten Blättern mitgeschwemmt werden würde auf einem Nussschalenboot.

Das ist lange her.

Heute macht sich meine Betreuerin Sorgen, weil ich nichts esse. Sie sagt, wenn das so weitergeht mit mir, sieht sie schwarz. Ich muss lachen und sage ihr, dass sie endlich ihre rosarote Brille abnehmen soll. Ich möchte, dass sie mich sieht, wie ich bin. Damit kann sie  nicht umgehen.

„Jeder Mensch ist heilbar!“ ist ihre Maxime und ich lasse sie in dem Glauben, weil es ihr Berufsethos verlangt und mir egal ist. Sie schleppt mich zu allen möglichen Therapeuten, die beflissen meine Krankengeschichte studieren und mich auseinandernehmen wollen. Meistens erzähle ich erfundene Geschichten aus meiner Kindheit und dann sind alle zufrieden, weil sie wieder was in meine Akte schreiben können. Ich lüge, wenn ich den Mund aufmache. Niemand hinterfragt. Sie fressen die Worte wie hungrige Hunde, die nach einem fetten Stück Fleisch schnappen.

Ich bin einsam und wünsche mir nie jemanden. Mein Bett ist gross genug für mich und am liebsten spreche ich mit mir, weil ich keine Angst vor den Antworten haben muss. Das Neonlicht an der Decke blende ich aus. In letzter Zeit habe ich öfters bemerkt, dass mein Polster in der Früh nass war.

Seit einigen Tagen habe ich Alpträume. Es ist immer der Gleiche. Ein Arzt kommt und erklärt mir, dass die Hirnwindungen in meinem Kopf gereingt werden müssen. „Wir machen einfach eine Kürettage. Da hat sich soviel Dreck angesammelt, das muss einmal alles raus.“

Er sieht gut aus, dieser spitzbärtige Doktor und raucht sich eine an. Jedesmal vor dem endgültigen Eingriff erwache ich und bin enttäuscht, weil mein Kopf noch immer denkt. Ich wünsche mir, solange zu schlafen, bis sie mich operiert haben.

Bei der Visite erzähle ich das erstemal, was wahr ist. Schulterzucken und grosse Augen in den Weissmäntelköpfen. Sie sehen sich wissend an und glauben, dass ich das nicht merke. Ab morgen wird meine Dosis erhöht.

 

 

 

 

 

 

 

Luisa

Veröffentlicht: 29. September 2014 in Allgemein

Ich erzähle von Luisa.

Heute sah ich sie, als ich von der Regionalbahn ausstieg, am gegenüberliegenden Bahnsteig stehen. Wie immer trug sie ihre Habseligkeiten in einem schäbigen grünen Rucksack mit sich. Ich wollte  rasch, mit gesenktem Blick, weitergehen-sie erkannte mich sofort und rannte die Unterführung hinunter und hinauf, um mich zu erwischen-zu STELLEN, kam mir in den Sinn. Sofort ergriff sie mich am Arm, sie hielt mich sehr fest, es war mir unangenehm, weil wir durch diese Geste unweigerlich verbunden waren.

„Alles, was ich besitze, ist hier drinnen, man könnte sagen, dass ich mich eine Scnecke fühle, ja, wie eine Schnecke. Der Rucksack ist mein Kissen, mein Schrank, mein Dach, mein Haus– mein Schneckenhaus. Kaufst du mir ein Bier?“

Sie liess mich los und bückte sich, um einen Zigarettenstummel aufzuheben, der plattgetreten neben einem halbgefüllten Limonaden-und Süssigkeitenautomaten lag.

„Ich mag kein Cola. Schokolade auch nicht, das ist schlecht, weil ich es mir nicht leisten kann. Zigaretten mag ich!“ Sie drückte sich den Stummel ein bisschen zurecht, um ihn rauchen zu können.

„Hast du einen Mann? Du siehst nicht gut aus, wenn du aus dem Zug steigst. So nervös und gestresst.Hättest mich fast nicht gesehen. Ist er lieb zu dir? Ich hab keinen Mann. Kinder auch nicht. Haben keinen Platz in meinem Rucksack.“

Sie lachte kehlig.

Ich betrachtete sie. Ihre gelblich verfärbten Nikotinfinger mit den bis zum Fleisch abgebissenen Nägeln zitterten, ihr Gesicht war blass und erzählte aus ihrem Leben. Es war keine schöne Geschichte.

Ich habe Luisa vor einem Jahr kennengelernt. Sie lebte am Bahnhof und ich kaufte ihr Zigaretten und Bier, weil ich einen guten Tag hatte. Seitdem scheint sie auf mich zu warten, kennt meine Ankunftszeiten und ist immer zur Stelle, wenn ich ankomme. Sie fragt mich jedesmal das Selbe, weil sie ohne zu vergessen nicht überleben könnte. Ich kaufe ihr jedesmal Zigaretten und Bier.

„Bald kommt der Winter. Ich hab einen tollen Platz entdeckt, komm, ich zeig dir meine Datscha.“

Ich wunderte mich nicht, dass Luisa weiss, was eine Datscha ist. Sie hat in einem anderen Leben russisch gelernt.

Wir gingen in die Ankunftshalle, steuerten nach links, wo früher das Bahnhofsrestaurant war. Jetzt gibt es dort ein russisches Lokal, und zwischen Lieferantenrampe und Toiletten befindet sich ein kleiner, ungenutzter Raum, nach draussen offen, sodass man die Strassenbahnen sieht, Beton überall, aber windgeschützt.

„Ich hab  den Besitzer gefragt. Jetzt brauch ich nur noch eine Decke. Mein Rucksack ist mein Kissen, mein Schrank, mein Dach, mein Haus-mein Schneckenhaus. Kaufst du mir ein Bier?“

Brigitte

Veröffentlicht: 16. September 2014 in Allgemein

Brigitte war meine Sitznachbarin in der Hauptschule. Sie hatte pechschwarzes Haar und eine sehr blasse Haut. Ich hab nie viel mit ihr gesprochen, weil sie nicht lustig war. Sie sass immer ernst auf ihrem Sessel, las kein BRAVO in der Religionsstunde und katte keine Freunde. Die Pausen verbrachte sie allein, ein Stückchen weiter weg als wir anderen, und als die Pubertät begann, bekam sie plötzlich einen sehr grossen Busen und viele Pickel im Gesicht. Meistens trug sie die Schnürlsamthosen ihrer älteren Schwestern auf.

Sie wurde bald zur Zielscheibe des Gespötts. Vor allem die Burschen liessen sich es nicht nehmen, anzügliche Bemerkungen vom Stapel zu lassen, aber sie wehrte sich nie. Sie wurde bloss stiller.

Als sie 14 wurde, erschien sie mit neuen Jeans und roten Schuhen mit Korkabsatz. Sie war  beim Friseur gewesen und trug von nun an  Minipli. Die Locken schienen ihr schmales Gesicht zu erdrücken, es war, als würde sie einen Helm tragen. Ausserdem hatte sie damit begonnen, sich zu schminken, umrandete ihre blauen Augen mit kohlschwarzem Kajal und Lidschatten und puderte ihr Gesicht. Sie sprach plötzlich sehr erwachsen, war aber immer noch nicht lustig.

Eines Tages bemerkten wir ein kleines Bäuchlein unter ihrem Shirt.

Nach 3 Wochen hiess es, Brigitte dürfe nicht mehr am Turnunterricht teilnehmen.

Sie war schwanger. Ich traute mich und fragte: „Was sagt denn dein Vater dazu? Also, meiner würde ja….“. Weiter kam ich nicht. Brigitte rannte davon und liess mich am Pausenhof stehen.

Niemand wusste, wer der Vater war. Niemand traute sich zu fragen. Die Schwangerschaft machte sie zu einer personana non grata, grenzte sie noch weiter aus und verwirrte unsere 14jährigen Köpfe dermassen, dass sie bald darauf die Schule wechseln musste. Besorgte  Eltern haben rechtzeitig dafür gesorgt. In den frühen 80ern hat es das nicht geben dürfen, dass ein mannstoller Teenie die pubertierenden Kinder kirre macht.

Brigitte war ein Jahr später in der Kleinen Zeitung.

„Interview mit einer Kindsmutter“, war die Überschrift und ich erinnere mich an einen einzigen Satz, der mir schon damals unter die Haut ging.

Sie wurde gefragt, ob sie nicht bereue, so früh Mutter geworden zu sein.

„Ach nein“, sagte sie, „ich bin eh nie so gern ausgegangen.“

Da war sie 15 und mir hat es den Magen umgedreht.

Seit damals hab ich nie mehr an sie gedacht.

Vor drei Tagen war sie wieder in der Kleinen Zeitung.

Es gab keinen Partezettel, aber ich las ihren Namen unter: Todesfälle-Brigitte M, 47 Jahre, Lichendorf.

Ich musste sicher gehen und rief eine ehemalige Schulkollegin an.

„Ja, die Brigitte! Na sicher ist es DIE! Gesoffen hat sie eh schon seit Jahren. Und wie dann die Geschichte mit ihrer Tochter war…“

„Was war denn?“, wollte ich wissen.

„Na ja, die hat halt erzählt, dass ihr der Opa an die Wäsch´….weisst eh, wie das ist mit den jungen Dirndln..die wollen sich ja alle nur wichtig machen. Das hat sie halt nicht gepackt, die ganzen Lügen und so. Es waren eh  nur ein paar Leut beim Begräbnis. Aber sag, wie gehts denn dir so in Graz? Hat einmal Zeit für einen Kaffee?“

 

 

 

 

 

 

 

 

das kleine Glück

Veröffentlicht: 3. Juni 2014 in Allgemein

Sie sieht aus wie eine guterhaltene 35jährige. Die makellose Figur wird mit wöchentlichen Obst-oder Reistagen in Form gehalten und wenn sie am Nachmittag die beiden Mädchen vom Tischtennis, Ballett-oder Geigenkurs abholt, drehen sich die karenzierten Väter nach ihr um.

Gestern ist sie 44 geworden und weiss Gott, es macht immer mehr Mühe, wie eine glückliche Frau auszusehen.

Vor 3 Jahren sind sie endlich in jenes weissgetünchte Reihenhaus am Rande der Stadt gezogen, wo man zwar die Autobahn vor der Nase hat, aber einen eigenen Flecken Grün, 70qm Garten müssen reichen für das kleine Glück.

Der Mann tut trotzdem , als gehörte ihnen plötzlich die halbe Nachbarschaft. Er stellt ein Trampolin auf, dieses sagenhaft unansehnliche Hüpfungetüm, im Sommer wird ein Plastikpool danebengezwängt, weil die Kinder mit und in der Natur aufwachsen sollen.  Ausserdem haben das alle.

Jeden 2. Tag fährt sie mit dem Staubsauger über den Bangkirai-Boden der Terrasse, flucht über Ameisen und Bienen und alles, was da kreucht und fleucht.  Am schlimmsten sind die Blätter. Überall in der Strasse gibt es Birken, der Nachbar hat eine Föhre im Garten stehen, die Nadeln und Zapfen halten sich  nicht an die Grundstücksgrenze und es ist sehr eng in einer Reihenhaussiedlung.

Wenn es eine Unterschriftensammlung gäbe, gegen die Bäume, sie würde sie sofort unterschreiben.

Ansonsten ist aller sehr sauber, fast klinisch rein, bei ihr. Drinnen werden die Schuhe ausgezogen, die Kinder haben eigene, wasser-und schmutzabweisende, Draussen-spiel-Anzüge und dürfen das Haus nur über den Keller betreten, wenn es regnet.  Ein Desinfektionsmittelspender im Bad und einer auf der Toilette– man weiss ja  nie, was die Mädchen von der Schule nach Hause bringen, jetzt, da die Migration auch vor dem Ländlichen nicht mehr halt macht.

Am Wochenende wird gegrillt, weil man den Freunden zeigen möchte, wie schön es sich am Land wohnt. Der Mann wendet mit nacktem Oberkörper bereits vormarinierte Hofer-Steaks, während sie mit billigen spanischen Erdbeeren eine Bowle fabriziert. Sparen muss man trotz allem.

Später, wenn sie satt und erschöpft in den neuen Terrassenmöbeln sitzt, wird sie mehr trinken, als ihr guttut. Dann fällt die zufriedene Fassade von ihr ab wie ein schwerer Stein, sie wird ihren Mann von der Seite betrachten und unterschwellige Sticheleien vom Stapel lassen. Alle lachen, – liebevolle Neckereien- selbst er will es nicht besser wissen. Die heile Welt will aufrechterhalten werden und der 200.000 Euro-Kredit abbezahlt.

Auf Gedeih und Verderb zusammen, denkt sie und jetzt sitze ich hier zwischen leeren Tellern, quengelnden Kindern und welken Blättern. Überall diese Blätter, dieser Dreck von den Sträuchern und der scheiss Löwenzahn. Loewenzahn-3-gr

Du hast halt den Falschen geheiratet, sagt ihre Mutter, aber du kannst froh sein, in deinem Alter noch einen abbekommen zu haben, der gut verdient.

Das jüngere Kind muss zu Bett gebracht werden. Sie zieht ihm die schmutzigen Kleider aus und gibt sie sofort in die Waschmaschine. Ihr Kopf schmerzt, weil sie zuviel Akohol und Bürgerlichkeit konsumiert hat.

Morgen wird sie einen Fasttag einlegen. Die kleinen Speckröllchen wird sie mit Zumbatrainig  wieder aufpolstern können. Ansonsten bleibt alles wie immer.

 

 

 

 

 

 

Chanel Nr. 5

Veröffentlicht: 26. Februar 2014 in Allgemein

Im Nachtdienst lese ich meistens Immobilien- Anzeigen. Ich wünsche mir eine Villa am Rosenberg oder ein Designer -Penthouse mit Blick über Graz. Mein marathonlaufender Ehemann, der nebenbei ein erfolgreicher Banker ist, verdient soviel Kohle, dass er monatlich meine ausufernde Manolo-Blahnik-Sammlung füttern und mich in der hauseigenen Sauna bis zur Besinnungslosigkeit befriedigen kann. Wir sind seit 20 Jahren verheiratet. Geld macht sexy und mein Unterleib riecht nach Chanel Nr.5.ch Weil wir keine Kinder haben, reisen wir nicht bloss an den Familienstrand nach Bibione, sondern gönnen uns immer wieder kurze Auszeiten in sündhaft teuren Thermenlandschaften. Die Nacht für 180 Euro und am Abend ein Buffet mit Weizlammkrone oder Braten vom Turopolje-Schweín. Die Paare an den Nebentischen haben ein mindestens so schönes Leben. Sie nippen verliebt an ihren Digestifs und faltenlose Frauen tanzen ohne das geringste Anzeichen von Ermüdung in die Mitternacht….

„Du“, ruft mein Kollege, „komm schnell. Zimmer 42 hat sich schon wieder die Windel weggefetzt. Alles ist voll!“

Ich verlasse die Therme und renne den Gang entlang. Zimmer 42 hatte  einmal einen Namen. Sie selbst weiss ihn nicht mehr und ruft nach ihrer Mutter. Mit weitaufgerissenen Augen steht sie neben dem Bett und weint. Ich lege meinen Arm um sie. Will sie beruhigen. Ihr Gesicht ist ein Schrei, weil sie nur noch im Gestern sein kann und das Heute weit ausserhalb ihrer Wahrnehmung liegt.

„Wohnen Sie auch da?“, fragt sie mit zitternden Lippen.

„Ja,“ sage ich und bringe sie behutsam dazu, sich wieder hinzulegen.

„Morgen kommt Ihre Mutter.Aber jetzt müssen Sie ins Bett gehen-es ist schon spät.“

Die Frau lächelt. Endlich. „Meine Mutter? Morgen? Ich danke Ihnen!“

Später bin ich wieder bei willhaben. Mein Kollege steht in der Tür:“ Wenn du fertig bist, lass mich mal schauen!“

„Was suchst du denn?“, frage ich ihn.

„Kaninchen.“

„Kaninchen? Wusste gar nicht, dass du die magst!“

„Eh nicht“, sagter, „aber meine 2 Katzen haben gerne Frischfleisch.“

Butterbrot

Veröffentlicht: 21. Februar 2014 in Allgemein

Es sind nur Kleinigkeiten-die Art, wie er mich anschaut, wenn ich seine Butterbrote schmiere, zum Beispiel. Ich weiss dann nie, ob ich das Messer richtig halte, obwohl mein Leben aus 100fachen Brotbeschmierereien besteht, bin ich unsicher, ich zögere immer, weil ich entweder zuviel oder zuwenig Butter erwische-ob das Messer ein regelrechtes Buttermesser oder bloss ein Tafelmesser ist-ob die Scheibe Brot seinen Vorstellungen entspricht, denn, weisst du , mein Liebchen: „Brot ist das Wichtigste!“ Einmal war da eine dicke schwarze Scheibe, voll Korn und Bio-schon im Moment des Kaufens erfreute ich mich an seiner Vierschrötigkeit. Ich malte mir seine Zufriedenheit aus und die Hoffnung auf einen friedvollen Abend bewog mich dazu, Tulpen und Narzissen einzukaufen.
Mit einer einzigen Handbewegung wischte er sie vom Tisch. Das Vollkornbrot, schön und braun, landete in meinem Gesicht.

Seitdem bin ich klüger. Ich schmiere Butter auf das Brot, das er nach Hause bringt. Meistens ist es eingeschweisst und schon in Scheiben geschnitten.Mir schmeckt es nicht, aber, um ehrlich zu sein, esse ich nichts, wenn wir gemeinsam am Tisch sitzen. Es sieht aus wie ein feister Pfaffe. Sein Bauch hat wenig Platz unter der Tischkante und wenn er vom Brot abbeisst, verirren sich manchmal fettgetränkte Brösel in seinen Bart, wo sie hängen bleiben.

„Liebst du mich?“. fragt er betrunken und ich würge meinen Ekel dorthin, wo meine Alpträume wohnen.Sie kommen nur, wenn ich sie heraufbeschwöre-an guten Tagen reicht eine Flasche Wein. Wenn ich mies drauf bin, muss ich Friedhöfe besuchen. Dort fällt es mir immer leicht, mich schnell möglichst schlecht zu fühlen. Mein Lieblingsfriedhof beinhaltet furchtbar traurige Lebensereignisse vom ersten Weltkrieg. Dort sind Grabsteine mit jungen Männern und Müttern, die das Kindbettfieber nicht überlebt haben. Ich frage mich ausserdem, wie hysterisch ich geworden wäre, wenn mein Baby im Alter von 4 Monaten gestorben wäre.

Cut: Sein Blick will mir weh tun.. Er steht am Küchentisch und greift mit dem rechten Zeigefinger in die Butterdose.
„Die Butter ist viel zu hart“, sagt er. Ich kraule seinen Bröselbart und schmiere ein neues Brot.
Der Friedhof ist weit weg.